Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele

Mit 6 Jahren fing das Wunder Lesen an. Die zuerst mühsam entzifferten Buchstaben ergaben einen Sinn oder ein Wort und die Wörter ergaben Sätze und so ging es immer weiter. Nach der ausgelesenen Klassenbibliothek folgte die Pfarrbibliothek, bis ich mich im Leserausch an Peter Handkes „Ich bin eine Bewohner des Elfenbeinturms“ und Heimito von Doderers „Die Strudelhofstiege“ wagte.

Verstanden habe ich nichts mit meinen 12 Jahren, außer dass es in Wien im 9.Bezirk eine Treppe gab und sich ein Leben im Elfenbeinturm lohnte. Ich verfiel Hermann Hesse und Gabriel Garcia Marquez, genoss Arthur Schnitzler und die Kaffeehausliteraten und schweifte mit Maigret durch George Simenons Paris.

Leser auf einer Parkbank

Leser auf einer Parkbank in Paris

Irgendwie war es nur logisch, dass ich nach einem abgebrochenen Studium den Lehrberuf Buchhändlerin wählte. Das wissenschaftliche Denken lag mir einfach nicht. Ich wollte weiterhin eintauchen in fremde Welten, aber hatte keine Lust diese zu analysieren. Mit meiner Berufswahl fing ein neuer Lebensabschnitt an.

Meine Welt in der Buchhandlung

Bücher wurden katalogisiert, ein- und aufgeteilt, verräumt und zurückgeschickt, präsentiert und empfohlen. Sie wurden gelobt und belächelt, zensuriert und rezensiert. Ich berücksichtigte Kundenwünsche und bestellte Bücher. Ich bibliographierte. Zuerst aus riesigen grünen Bänden, dem VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher), später am Computer. Die Suche ging schneller, die Verzeichnisse erschienen immer schneller, die Lieferanten lieferten schneller, man hatte sogar das Gefühl, die Autoren schrieben schneller.

Bücher am Flohmarkt

Bücher am Flohmarkt

Neue Medien zogen ins Land. Man war jetzt nicht mehr Buchhändler, sondern Medienhändler. Man hatte sich mit E-Books und E-Readern auseinanderzusetzen, mit Downloads, Tablets und Dateiformaten. Die Zeit verging und schön langsam tauchten die ersten E-Bookreader in der U-Bahn auf. Leider konnte man nun nicht mehr vom Buchcover auf den Leser schließen. Denn E-Reader sind schrecklich anonym. Und grau. Und ein bisschen langweilig.

Buchhandlung in Paris

Buchhandlung in Paris

Praktisch seien sie schon, hörte man von allen Seiten. Praktisch? Man könne so und so viele Bücher auf den Reader laden, in einer so und so schnellen Geschwindigkeit und man könne die Schrift vergrößern und das Display beleuchten und was weiß ich noch alles. Also kaufte ich mir einen E-Reader und lud ein Buch hoch.

Ich versuchte es zu lesen, aber es funktionierte nicht. Mir fehlte das Geräusch beim Umblättern. Mir fehlte das Lesezeichen. Mir fehlte der Schutzumschlag. Eigentlich fehlte mir alles was mit Lesen zu tun hatte. Der Text verbarg sich in diesem technischen Gerät. Und während mein Text auf dem Display verblasste, weil ich vergessen hatte, das Gerät ordentlich aufzuladen, schwor ich mir, niemals mehr einen E-Reader in die Hand zu nehmen. Denn was war schon praktisch? Ein Staubsauger muss praktisch zu sein, ein Auto oder eine Küchenmaschine ebenso. Aber ein Buch?

Müssen Bücher praktisch sein?

Ein Buch hat nicht praktisch zu sein, außer man braucht einen Untersetzer für einen wackeligen Tisch. Aber das wäre wohl Zweckentfremdung. Ein Buch muss man aufschlagen können, es muss sich in der Tasche schwer anfühlen und mit Freude an Bekannte verliehen werden. Es muss nach Papier und nach Druckerschwärze riechen. Man muss es manchmal an die Wand klatschen könne, wenn einem der Inhalt zu Nahe geht oder der Autor sich am Ton vergreift. Bücher wecken Emotionen und  das ist gut so.

Dieser Text entstand für die Blogparade Bibliotheken und Bücher – zeitlose Faszination.

Das Zitat meiner Überschrift „Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele“ wird Cicero zugeschrieben.

Die Bilder, die ich im Text verwende, entstanden auf Reisen nach Paris in den Jahren 2012 und 2013.

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