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20. Oktober 2014

Reisenotizen Canal du Midi

Das Wasser im Canal du Midi sieht aus als hätte man einem Kind einen Malkasten in die Hand gedrückt und befohlen, für die Farbe des Wassers nur die braunen und für den Himmel nur die grauen Farbknöpfe zu verwenden. Doch das unfolgsame Kind hat den Auftrag missachtet, es hat den Pinsel ins Schwarz getaucht, zusätzlich das Malwasser über das Bild geschüttet und am Schluss mit der flachen Hand alle Farben verwischt.

Unterwegs am Canal du Midi

Dabei begann der gestrige Tag gar nicht so schlecht. Die Fahrt mit dem Hausboot verlief angenehm ruhig, eine einzige Schleuse galt es zu bewältigen. Wir trafen alte Bekannte und schleusten uns gemeinsam durch die Schleuse in Argens. Wir verkosteten Minervois, den regionstypischen Wein im Weinkeller vom Château de Paraza und konnten leider nur einen kurzen Blick auf das Schloss erhaschen, das Pierre Paul Riquet, dem Erbauer des Kanals als Wohnsitz, diente.

Le Somail – Ein wunderschöner Ort am Canal du Midi

In Le Somail legten wir an und besuchten das berühmte Kanalboot Tamata, das hier verankert ist. Die Peniche dient als Lebensmittelladen und Souvenirshop. Verkauft werden lokale Produkte wie Trüffel, Reis und Salz. Bestellungen für das morgendlich Frühstücksbaguette werden gerne entgegengenommen. Reis in Frankreich? Was es nicht alles gibt!

Das Antiquariat in Le Somail

Eine weitere Attraktion des Ortes ist das Antiquariat. Schon vor der Tür riecht es nach vergilbten Buchseiten. Zuerst erwartet mich ein langer Durchgang bestehend aus Büchern, die links und rechts bis an die Decke gestapelt sind. Es gibt eine Ordnung, die aber nur Buchliebhaber verstehen.  Nach dem Gang, der eigentlich breiter wäre, aber durch unzählige Plastikkisten und Körbe voll mit Heften und Magazinen verschmälert wird, erstreckt sich das Heiligtum des Buchladens, eine Art Altar für Bookinisten. Hier werden in Vitrinen die kostbaren antiquarischen Bücher aufbewahrt. Eine Treppe führt auf eine Galerie. Ich passe bei jedem Schritt auf, ob ich nicht auf ein Buch steige, alles ist voll mit gedruckter Literatur.

Jeder der dieses Antiquariat betritt, schnappt erst einmal nach Luft, die sich vermengt mit Bücherstaub. Jeder staunt über diese Fülle an Büchern. Erwachsene Männer knien am Boden, suchen eine bestimmte Ausgabe von Perry Rhodan und liegen sich nach erfolgreicher Suche in den Armen. Frauen streichen verzückt über die Rücken der Bücher und lesen sich gegenseitig Buchtiteln vor. Leitern werden erklommen um die obersten Buchetagen zu erreichen. Der Laden ist voll. Als gelernte Buchhändlerin darf ich sagen: So stelle ich mir das Paradies vor!

Regen und Sturm am Canal du Midi

Doch die Nacht aller Nächte lag noch vor uns.  Wir sitzen nach dem Abendessen in unserem Hausboot. Regen setzt ein. Nein, nicht nur Regen, eine wahre Sintflut stürzt vom Himmel herab. Der Wind zerrt am Boot. Das Hausboot liegt gut vertäut am Liegeplatz, aber ob das genügt? Irgendwann gelingt es mir einzuschlafen. Um zwei Uhr früh kann ich die Tropfen auf meinem Gesicht nicht mehr meinen unruhigen Träumen zuordnen und wache auf. Es tropft nicht nur ins Bett, sondern allerorts in die Kabine. So gut es geht dichten wir die Fenster mit Handtüchern ab und wischen die schlimmsten Spuren des Regen weg. Ein Blick durch die beschlagenen Fensterscheiben zeigt: Auch die Bewohner im Nachbarboot sind wach. Die Boote schaukeln wild am Kanal, der Sturm zerrt an den festgezurrten Rädern. Der Regen hat nicht nachgelassen. Irgendwann schlafe ich wieder ein, meine Träume drehen sich um Überschwemmungen, eine Feuerwehrsirene und Gummistiefel.

Erst um sieben Uhr in der Früh beruhigt sich der Wind. Der Regen lässt nach. Irgendwie wollen wir nur weg von hier. Es hat empfindlich abgekühlt. Die Taue haben sich voll gesoffen vom Regen und liegen schwer in der Hand. Die Haken, mit denen das Boot am Ufer vertäut ist, lassen sich butterweich aus dem nassen Boden ziehen. Der Wasserstand des Kanals ist um circa 20 Zentimeter gestiegen. Links neben dem Kanal entstand in der Nacht ein zweiter Kanal, stellenweise sogar ein See. Weinstöcke stehen hoch im Wasser.

Um halb 12 legen wir in Argeliers an.

Der kleine Ort schläft. Die Post hat bereits geschlossen, der Supermarkt ist gerade dabei. Schnell räumen wir Wasser und Wein in den Einkaufswagen und bezahlen. In der gegenüberliegenden Tabaciere erstehen wir eine Zeitung, deren Wetterbericht nichts Gutes für die nächsten Tage verheißt: Regen, Regen, Regen. Wir trösten uns in der Boulangerie mit pain au chocolate und tarte citron meringuée.

Süßes tröstet und besänftigt. Offenbar auch das Wetter, denn plötzlich ist sie da, die Sonne und versüßt uns endlich den Tag.

Die Reise mit dem Hausboot fand im Oktober 2014 statt.

Reisebloggerin Tipp

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Am liebsten würde ich als Wolkenbeobachterin in einem Baumhaus leben. Bis zur Decke vollgestopft mit Büchern, versteht sich. Denn die verschlinge ich, seit ich denken kann. Ich bin eine Vielleserin, durch und durch. Irgendwann hab‘ ich selbst mit dem Schreiben angefangen. Weil ich mich erinnern möchte. Weil sich auf Papier gebracht vieles leichter sagen lässt. Weil ich kleinen und großen Dingen mit den richtigen Worten das nötige Gewicht verleihen will. Wie eine Geschichtenerzählerin. Meine Texte packe ich wie Geschenke in Formulierungen ein – und der Leser packt sie aus.

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