Regen und Sturm am Canal du Midi

Das Wasser im Canal du Midi sieht aus als hätte man einem Kind einen Malkasten in die Hand gedrückt und befohlen, für den Kanal nur die braunen und für den Himmel nur die grauen Farbknöpfe zu verwenden. Doch das Kind hat den Befehl missachtet, noch etwas schwarz dazugemischt, zusätzlich das Malwasser über das Bild geschüttet und am Schluss mit der flachen Hand alle Farben verwischt.

Unterwegs am Canal du Midi

Dabei begann der gestrige Tag gar nicht so schlecht. Die Fahrt mit dem Hausboot verlief angenehm ruhig mit einer einzigen Schleuse. Wir trafen alte Bekannte und schleusten uns gemeinsam durch die Schleuse Argens. Wir verkosteten Minervois, den regionstypischen Wein im Weinkeller vom Château de Paraza und konnten leider nur einen kurzen Blick auf das Schloss erhaschen, das Pierre Paul Riquet, dem Erbauer des Kanals als Wohnsitz, diente.

Canal du Midi in Frankreich

Canal du Midi in Frankreich

Schloß Paraza

im Schloß Paraza wohnte der Erbauer des Canal du Midi

Le Somail – Ein wunderschöner Ort am Canal du Midi

In Le Somail legten wir an und besuchten das berühmte Kanalboot Tamata, das hier verankert ist. Die Peniche dient als Lebensmittelladen und Souvenirshop. Verkauft werden lokale Produkte wie Trüffel, Reis und Salz und Bestellungen für das morgendlich Frühstücksbaguette werden gerne entgegengenommen. Reis in Frankreich? Was es nicht alles gibt!

Lebensmittelboot

Lebensmittelboot in Somail

Ein Schiff in Le Somail

Die Corniche in Le Somail ist Lebensmittelladen und Souevenirshop

Eine weitere Attraktion des Ortes ist das Antiquariat. Schon vor der Tür riecht es nach vergilbten Büchern. Zuerst erwartet einen ein langer Schlauch mit Büchern, die links und rechts bis an die Decke gestapelt sind. Es gibt eine Ordnung, die aber nur Buchliebhaber verstehen.  Nach dem Gang, der eigentlich breiter wäre, aber durch unzählige Plastikkisten und Körbe voll mit Heften und Magazinen verschmälert wird, erstreckt sich das Heiligtum des Buchladens, eine Art Altar für Bookinisten. Hier werden in Vitrinen die kostbaren antiquarischen Bücher aufbewahrt. Eine Treppe führt auf eine Galerie. Ich passe bei jedem Schritt auf, ob ich nicht auf ein Buch steige,  alles ist voll mit gedruckter Literatur.[/caption]

Jeder der dieses Antiquariat betritt, schnappt erst einmal nach Luft, die sich vermengt mit Bücherstaub. Jeder staunt über diese Fülle an Büchern. Erwachsene Männer knien am Boden, suchen eine bestimmte Ausgabe von Perry Rhodan und liegen sich nach erfolgreicher Suche in den Armen. Frauen streichen verzückt über die Rücken der Bücher und lesen sich gegenseitig Buchtiteln vor. Leitern werden erklommen um die obersten Buchetagen zu erreichen. Der Laden ist voll. Als gelernte Buchhändlerin darf ich sagen: So stelle ich mir das Paradies vor!

Antiquariat in Le Somail

Das Antiquariat in Le Somail

Le Somail - Antiquariat

Le Somail – Antiquariat

Regen und Stum am Canal du Midi

Doch da lag die Nacht der Nächte noch vor uns.  Wir sitzen nach dem Abendessen in unserem Hausboot. Regen setzt ein. Nein, nicht nur Regen, eine wahre Sintflut stürzt vom Himmel herab. Der Wind zerrt am Boot. Das Hausboot liegt gut vertäut am Liegeplatz, aber ob das genügt? Irgendwann gelingt es mir einzuschlafen. Um zwei Uhr früh kann ich die Tropfen auf meinem Gesicht nicht mehr meinen unruhigen Träumen zuordnen und wache auf. Es tropft nicht nur ins Bett, sondern allerorts in die Kabine. So gut es geht dichten wir die Fenster mit Handtüchern ab und wischen die schlimmsten Spuren des Regen weg. Ein Blick durch die beschlagenen Fensterscheiben zeigt: Auch die Bewohner im Nachbarboot sind wach. Die Boote schaukeln wild am Kanal, der Sturm zerrt an den festgezurrten Rädern. Der Regen hat nicht nachgelassen. Irgendwann schlafe ich wieder ein, meine Träume drehen sich um Überschwemmungen, eine Feuerwehrsirene und Gummistiefel.

Erst um sieben Uhr in der Früh beruhigt sich der Wind. Der Regen lässt nach. Irgendwie wollen wir nur weg von hier. Es hat empfindlich abgekühlt. Die Taue haben sich voll gesoffen vom Regen und liegen schwer in der Hand. Die Haken, mit denen das Boot am Ufer vertäut ist, lassen sich butterweich aus dem nassen Boden ziehen. Der Wasserstand des Kanals ist um circa 20 Zentimeter gestiegen. Links neben dem Kanal entstand in der Nacht ein zweiter Kanal, stellenweise sogar ein See. Weinstöcke stehen hoch im Wasser.

Überschwemmung am Canal du Midi

Die Weinstöcke stehen hoch im Wasser

Um halb 12 legen wir in Argeliers an. Der kleine Ort schläft. Die Post hat bereits geschlossen, der Supermarkt ist gerade dabei. Schnell räumen wir Wasser und Wein in den Einkaufswagen und bezahlen. In der gegenüberliegenden Tabaciere erstehen wir eine Zeitung, deren Wetterbericht nichts Gutes für die nächsten Tage verheißt: Regen, Regen, Regen. Wir trösten uns in der Boulangerie mit pain au chocolate und tarte citron meringuée.

Süßes tröstet und besänftigt. Offenbar auch das Wetter, denn plötzlich ist sie da, die Sonne und versüßt uns endlich den Tag.

Canal du Midi in Frankreich

Endlich Sonne!

Die Reise mit dem Hausboot fand im Oktober 2014 statt.

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