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9. Januar 2015

Fogo heißt Feuer

Zuerst rannten die Hunde. Fast genau zehn Stunden vor dem Vulkanausbruch auf Fogo am 23.November 2014 flüchteten die Tiere aus dem Talkessel Chã das Caldeiras. Noch in dieser Nacht wuchs der Pico Pequeno, ein Nebenkegel des Pico de Fogo, um ein vielfaches an. Der Berg entlud sich am Vormittag des Folgetages mit heißen Lavaströmen.

Fogo heißt Feuer.

Seefahrer gaben der Insel diesen Namen, denn die Rauchwolke, die aus dem Vulkankegel kam, zeigte ihnen den Weg. Das ist bereits mehrere Jahrhunderte her. Doch der Vulkan, vor dem ich heute stehe, spukt schon wieder Rauchwolken und Steine aus.

Von 220 Häusern sind 12 übrig geblieben. Die Lava hat sie verschluckt. Die Straße, die Häuser der Bewohner, die kleinen Pensionen für die Wanderer, die Wein-Kooperative des berühmten Fogo-Weins, das Besucherzentrum, alles ist weg. Zurückgeblieben ist erkaltete Lava in bizarrer Form, wovon ich ein kleines Stück in den Händen halte.

Ob wir in die Chã das Caldeiras gelangten, ist nicht gewiss. Das Militär kontrolliere die Zugänge, wird uns erzählt. Doch wir können die einzige Straße, die in die Caldeiras führt, passieren. Nach wenigen Metern ist Schluss.

Lava hat die Straße übernommen. Sie ist weg.

Ich steige aus dem Auto und höre ein merkwürdig gedämpftes Knallen, das durch den Schall der umliegenden Bordeira de Fogo (fast 1000 Meter hohe Felswände, die die Caldeiras im Westen und Süden umschließen) verstärkt wird. Ich brauche einen Augenblick, um die Herkunft des Lärms zu identifizieren: Es kommt aus dem Inneren der Erde. Es sind die Geräusche des Vulkans. Es hört sich an, als ob jemand im Inneren der Erde arbeitet. Ein Baggerfahrer, der sich verirrt hat. Ein Billardspiel, tief unten in der Erde. Ein Riese, der Steine aus dem Loch schaufelt.

Denn bei genauem Hinsehen kommen sie geflogen, die Steine. Ich gehe nicht nahe ran, ich habe zuviel Respekt. Nur die Lava möchte ich berühren.

Ist das Gestein noch warm?

Ein bizarrer Fluss aus geschmolzenem Erdinneren hat sich entlang und auf der Straße gebildet. Erdmaterial, das gewalzt, gefaltet und zugleich zerbröselt aussieht. Wieder stört ein lautes Grummeln und Fauchen die Stille. Aus dem Vulkan kommt eine graue Wolke, gefolgt von Steinbrocken.

Viel lieber hätte ich im Dorf Wein verkostet, der in gegrabenen Senken des Vulkansands angebaut wird. Viel lieber hätte ich in einer der kleinen Pensionen übernachtet, wäre um halb sechs Uhr früh aufgestanden und hätte den Pico den Fogo bezwungen.

Stattdessen bleibe ich zwei Stunden in der Caldeiras und starre auf dieses schrecklich schöne Schauspiel.

Hoffentlich geben die Bewohner der Caldeira nicht auf und bauen wie schon zuletzt beim Vulkanausbruch 1995 ihre Häuser, ihre Weingärten und ihre Obstplantagen wieder auf. Hoffentlich trotzen sie dem Feuer.

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Am liebsten würde ich als Wolkenbeobachterin in einem Baumhaus leben. Bis zur Decke vollgestopft mit Büchern, versteht sich. Denn die verschlinge ich, seit ich denken kann. Ich bin eine Vielleserin, durch und durch. Irgendwann hab‘ ich selbst mit dem Schreiben angefangen. Weil ich mich erinnern möchte. Weil sich auf Papier gebracht vieles leichter sagen lässt. Weil ich kleinen und großen Dingen mit den richtigen Worten das nötige Gewicht verleihen will. Wie eine Geschichtenerzählerin. Meine Texte packe ich wie Geschenke in Formulierungen ein – und der Leser packt sie aus.

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